Emilia hielt ihren drei Wochen alten Sohn Finn fest an sich gedrückt, als der Kinderarzt ihr die erschreckende Nachricht mitteilte: “Es ist Keuchhusten.” Die 28-jährige Mutter aus München konnte es nicht fassen – sie hatte während der Schwangerschaft alles richtig gemacht, dachte sie. Doch die Pertussis-Impfung hatte sie ausgelassen.
Was als harmloser Husten begann, entwickelte sich binnen weniger Tage zu lebensbedrohlichen Atemaussetzern. Finn musste sofort ins Krankenhaus, an Monitore angeschlossen werden. “Ich dachte, Corona wäre das Schlimmste, womit wir es zu tun haben”, flüsterte Emilia ihrer Schwester am Telefon zu, während sie neben Finns Bettchen wachte.
Doch die Realität sieht anders aus: Während sich die Welt noch von der Pandemie erholt, breitet sich eine andere, oft unterschätzte Krankheit wieder massiv aus – und trifft besonders ungeimpfte Säuglinge mit voller Wucht.
Keuchhusten auf dem Vormarsch: Was Eltern wissen müssen
Keuchhusten, medizinisch als Pertussis bekannt, erlebt derzeit ein beunruhigendes Comeback in Deutschland. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden dem Robert Koch-Institut über 4.000 Fälle gemeldet – mehr als doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.
Diese bakterielle Infektion, verursacht durch Bordetella pertussis, ist alles andere als harmlos. Besonders für Babys unter sechs Monaten kann sie lebensbedrohlich werden. Anders als bei älteren Kindern und Erwachsenen zeigt sich bei Säuglingen oft nicht der charakteristische “Keuchhusten” – stattdessen leiden sie unter Atemaussetzern, die zu Sauerstoffmangel führen können.
Die meisten Eltern erkennen Keuchhusten bei Babys nicht sofort, weil der typische bellende Husten oft fehlt. Stattdessen hören sie auf zu atmen – das ist der Moment, in dem jede Sekunde zählt.
— Dr. Andreas Weber, Kinderarzt und Infektionsspezialist
Das Tückische: Die Krankheit beginnt meist harmlos, ähnlich einer gewöhnlichen Erkältung. Schnupfen, leichter Husten, eventuell etwas Fieber – Symptome, die viele Eltern zunächst nicht alarmieren. Erst nach ein bis zwei Wochen entwickelt sich das charakteristische Krankheitsbild mit den schweren Hustenanfällen.
Die erschreckenden Zahlen: Wer ist besonders gefährdet?
Die aktuellen Daten zeigen ein besorgniserregendes Bild der Keuchhusten-Ausbreitung in Deutschland:
| Altersgruppe | Gemeldete Fälle 2024 | Hospitalisierungsrate |
|---|---|---|
| 0-6 Monate | 387 | 78% |
| 6-12 Monate | 234 | 34% |
| 1-4 Jahre | 892 | 12% |
| 5-14 Jahre | 1.456 | 3% |
| Erwachsene | 1.789 | 8% |
Diese Zahlen verdeutlichen das dramatische Risiko für die Kleinsten unserer Gesellschaft. Während ältere Kinder und Erwachsene meist mit ambulanter Behandlung auskommen, müssen fast vier von fünf erkrankten Säuglingen unter sechs Monaten stationär behandelt werden.
Besonders betroffen sind Regionen mit niedrigen Impfraten. Bayern, Sachsen und Thüringen melden überdurchschnittlich viele Fälle, während Bundesländer mit höherer Impfquote deutlich weniger Ausbrüche verzeichnen.
- Ungeimpfte Säuglinge haben ein 15-mal höheres Risiko für schwere Verläufe
- Etwa 60% der hospitalisierten Babys benötigen intensivmedizinische Betreuung
- Die Sterblichkeitsrate bei Säuglingen unter drei Monaten liegt bei 1-2%
- Komplikationen wie Lungenentzündung treten bei jedem vierten erkrankten Baby auf
Wir sehen derzeit Fälle, die wir seit Jahren nicht mehr hatten. Babys, die wochenlang beatmet werden müssen, weil ihre kleinen Lungen den Kampf gegen die Bakterien nicht alleine schaffen.
— Prof. Dr. Sandra Müller, Leiterin der Kinderintensivstation, Charité Berlin
Warum Impfen der einzige Schutz ist
Die Pertussis-Impfung ist nicht nur ein persönlicher Schutz – sie ist ein Akt der Solidarität mit den Schwächsten unserer Gesellschaft. Neugeborene können erst ab dem zweiten Lebensmonat geimpft werden und sind bis zur vollständigen Grundimmunisierung schutzlos.
Hier kommt das Konzept der “Kokonimpfung” ins Spiel: Schwangere, die sich zwischen der 28. und 32. Schwangerschaftswoche impfen lassen, übertragen Antikörper auf ihr ungeborenes Kind. Dieser “Nestschutz” hält etwa zwei bis drei Monate an – genau die kritische Phase, in der Babys am verwundbarsten sind.
Doch auch das familiäre Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. Großeltern, Geschwister, Babysitter – alle Kontaktpersonen sollten ihren Impfschutz überprüfen lassen. Die Pertussis-Impfung hält nämlich nicht lebenslang, sondern muss alle zehn Jahre aufgefrischt werden.
Viele Erwachsene wissen gar nicht, dass ihr Keuchhusten-Schutz längst abgelaufen ist. Sie husten ein paar Wochen, denken an eine hartnäckige Erkältung – und stecken unwissend Säuglinge an.
— Dr. Thomas Reinhardt, Hausarzt und Impfexperte
Was Eltern jetzt tun können
Die gute Nachricht: Keuchhusten ist vollständig vermeidbar. Mit den richtigen Maßnahmen können Eltern ihre Kinder effektiv schützen:
Der wichtigste Schritt ist die rechtzeitige Impfung während der Schwangerschaft. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Pertussis-Impfung für alle Schwangeren, idealerweise zwischen der 28. und 32. Schwangerschaftswoche. Diese Impfung ist sicher und hochwirksam.
Nach der Geburt sollten Eltern peinlich genau auf den Impfplan achten. Die erste Pertussis-Impfung erfolgt im Alter von zwei Monaten, gefolgt von weiteren Impfungen im dritten und vierten Lebensmonat. Eine vierte Impfung im Alter von 11-14 Monaten komplettiert die Grundimmunisierung.
Doch auch Wachsamkeit ist gefragt. Eltern sollten bei folgenden Symptomen sofort den Kinderarzt kontaktieren:
- Anhaltender Husten, der länger als eine Woche dauert
- Atemaussetzer oder bläuliche Verfärbung der Lippen
- Erbrechen nach Hustenanfällen
- Ungewöhnliche Müdigkeit oder Trinkschwäche
Zeit ist bei Keuchhusten ein kritischer Faktor. Je früher wir mit der Behandlung beginnen, desto besser sind die Chancen auf einen milden Verlauf ohne Komplikationen.
— Dr. Lisa Hoffmann, Kinderärztin und Notfallmedizinerin
Für Familien mit Neugeborenen gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Besucher sollten nur mit aktuellem Impfschutz ins Haus gelassen werden. Bei Husten oder Erkältungssymptomen ist ein Besuchsverbot die einzig richtige Entscheidung – auch wenn es hart erscheint.
Die Behandlung von Keuchhusten erfolgt mit Antibiotika, die besonders in der Frühphase der Erkrankung wirksam sind. Bei Säuglingen ist meist eine stationäre Behandlung notwendig, da die kleinen Patienten engmaschig überwacht werden müssen.
Während Corona die Schlagzeilen dominierte, hat sich im Stillen eine andere Bedrohung entwickelt. Keuchhusten mag wie eine Krankheit aus vergangenen Zeiten klingen, doch die Realität zeigt: Diese Infektion ist zurück und gefährlicher denn je – besonders für die Jüngsten unter uns. Die Lösung liegt in unseren Händen: Impfen schützt nicht nur uns selbst, sondern auch die, die sich noch nicht selbst schützen können.
FAQs
Kann mein Baby Keuchhusten bekommen, auch wenn ich geimpft bin?
Ja, aber das Risiko ist deutlich geringer. Die Impfung in der Schwangerschaft bietet etwa 90% Schutz für Neugeborene in den ersten Lebensmonaten.
Wie lange ist Keuchhusten ansteckend?
Ohne Behandlung bis zu drei Wochen nach Symptombeginn. Mit Antibiotika nur noch etwa fünf Tage nach Therapiestart.
Können auch Erwachsene schwer an Keuchhusten erkranken?
Ja, besonders Menschen über 60 Jahre und Personen mit Vorerkrankungen können schwere Verläufe entwickeln.
Ist die Keuchhusten-Impfung in der Schwangerschaft sicher?
Absolut. Millionen von Schwangeren wurden bereits sicher geimpft, ohne Risiken für Mutter oder Kind.
Wie erkenne ich Keuchhusten bei meinem Baby?
Achten Sie auf anhaltenden Husten, Atemaussetzer, bläuliche Lippen oder Erbrechen nach Hustenanfällen. Bei diesen Symptomen sofort zum Arzt!
Kann Keuchhusten auch ohne den typischen “Keuchhusten” auftreten?
Ja, besonders bei Säuglingen fehlt oft der charakteristische bellende Husten. Stattdessen treten gefährliche Atemaussetzer auf.